Biografie von Max (Name geändert) - Betroffener

Vertiefung der Persönlichkeitsstabilisierung

1 Ich mache mir klar, was Alkoholabhängigkeit/Sucht für mich bedeutet. 

Abhängigkeit war für mich, den Alkohol wie Medizin einzusetzen, um mich emotional besser zu fühlen. 

1.1 Die Entwicklung zur Abhängigkeit vollzieht sich bei mir schleichend und unauffällig. 
a) Kennzeichnend sind folgende Entwicklungen:

  • Im Betrieb wiederholt angesprochen worden auf das Trinken. Dann länger nichts getrunken. Dann Betrieb gewechselt, weil ich mich nicht rausreden konnte. Im neuen Betrieb so lange absolut abstinent gewesen, bis die Probezeit vorbei war und ich für meine Leistung durch Prämienzahlungen belohnt wurde. Dann fing ich langsam wieder zum Trinken an. Im Sinne: Wer so gut arbeitet, kann doch kein Alkoholproblem haben. Ich teilte mein Trinken so ein, dass ich nicht auffällig wurde. 
  • Entzugserscheinungen wie Unruhe und Schwitzen hatte ich selten. Wenn ich sie hatte, brachte ich es mit Stress und Überarbeitung zusammen. „Wer so viel arbeitet wie ich, dem kann es auch mal schlecht gehen und so war die Welt wieder in Ordnung für mich“. Ich hatte keine Einsicht in mein Trinkverhalten.
  • Zuletzt war die Arbeit der Mittelpunkt und ich machte viele Überstunden. Für andere Dinge wie Hobbys nahm ich mir immer weniger Zeit. Ich konnte nicht wahrnehmen, dass ich mich mit meiner Arbeit ausgepowert habe. In Wirklichkeit habe ich öfters getrunken. Meiner Frau ist das aufgefallen. Sie stellte mich zu Rede. Entweder stritt ich alles ab oder ich gelobte Besserung. Ich dachte, es geht immer so weiter.
  • Unter der Woche kam ich in eine Polizeikontrolle und mein Führerschein war weg. Das hatte schlimme Folgen für mich. Denn ich verlor gleichzeitig meinen Führerschein und den Arbeitsplatz, da ich für die Arbeit den Führerschein brauchte. Zusätzlich drohte meine Frau: Wenn du nichts unternimmst, sind wir geschiedene Leute. Ich wusste, das war ernst.
  • Diese schwere Konfrontation war für mich notwendig. Erst ab da war ich bereit Nägel mit Köpfen zu machen. Weglaufen, ausweichen und schönreden war nicht mehr möglich.
  • Ich ging in die Gruppe. Mir wurde schmerzlich klar, es ist ein langer Weg. Die Abstinenz ist nur der erste Schritt. Immer mehr wurde mir bewusst, mein Lebensstil wie, sich selbst Stress machen, zu viel arbeiten, Problemen aus dem Weg gehen, indem ich sie nicht ansprach etc., ist mein Hauptproblem und nicht mein Trinken. Um dies alles schaffen zu können, wurde mir immer deutlicher, das geht nur mit einer dauerhaften Abstinenz. Ab dem ersten Tag in der Gruppe war ich abstinent. Doch der innere Prozess der Akzeptanz, es geht nur mit der völligen dauerhaften Abstinenz, war ein langer Prozess. Nicht-trinken habe ich lange als Verlust erlebt, vor allem wenn ich mich entspannen wollte. Es ist mir erst leichter gefallen, als ich merkte, ich brauche die Anderen. Die Geschichten ihrer Abstinenz und die Erlebnisse ihres Trinkens halfen mir, Kraft und Motivation zu bekommen, bei meinem Weg zu bleiben und mein Leben schrittweise zu verbessern.
  • Lange Zeit konnte ich von meiner übermäßigen Arbeit nicht loslassen. Durch das viel und gut arbeiten war ich wer. Erst als ich durch mein zu vieles Arbeiten und dadurch, dass ich mich zu wenig beachtetet habe rückfällig wurde, konnte ich meine Selbstüberforderung anpacken. Es hat lange gedauert bis ich da zur Umkehr bereit war. Heute weiß ich, dass ich durch meine Selbstüberforderung mein Knochengerüst dauerhaft geschädigt habe. 

b) Persönlichkeitsabbau (persönlich erlebter Tiefpunkt) durch meine Abhängigkeit.

  • Arbeit war meine Leidenschaft und Alkohol war da, um abzuschalten. Arbeit und Alkohol waren Geschwister für mich. 
  • Negative Emotionen wurden bei mir zur Routine wie, gedankliches Kreisen über erlebte Ungerechtigkeit, über eigene Fehler oder Fehler der Anderen grübeln etc. Das entzog mir Lebensenergie und ich trank, um mir wieder Kraft zu holen. Ich brauchte lange bis ich akzeptierte, dass ich für negative Emotionen einen hohen Preis zahlte. Um diese wahrzunehmen brauche ich heute noch die Gruppe, um anschließend Alternativen zu finden.
  • Leistungsdruck und Abhängigkeit von „Tüchtigsein“ war für mich normal. Das war für mich Leidenschaft. Diese Sackgasse begann ich erst langsam nach meinem Tiefpunkt zu akzeptieren. Ich verlangte selbst zu viel von mir. Darauf war ich auch noch stolz. Ich brauchte und brauche die Gruppe für meinen Akzeptanzprozess, damit ich mir über meine vorherrschenden und belastenden Gefühlen klar werden kann. Für mich habe ich verstanden, dass ich die Gewohnheit habe, von mir selbst zu viel zu verlangen und ich immer wieder Abstand finden muss, indem ich mich akzeptiere. 
  • Es hat lange gedauert, bis ich akzeptierte, dass bei Sucht Gewohnheiten automatisch ablaufen, die mir scheinbar gut tun. Ich hatte dabei ein gutes Gefühl. Mit der Abstinenz waren diese schädlichen Gewohnheiten nicht weg. Ich brauchte und brauche den Dreier-Schritt, der nur mit der Gruppe möglich ist. Der 1. Schritt ist der Akzeptanzprozess. Der 2. Schritt ist in die Bindung zu mir zu kommen durch: Zu meiner Geschichte stehen, zu meinen Notständen stehen, offen mit meinen Schwächen umgehen und ganz wichtig meine Scham überwinden. Der 3. Schritt ist Bildung. Nur durch Bildung kann ich verantwortlich mein Leben bestimmen wie z.B. die Grundlagen der Sucht zu verstehen.
  • Den Horror des heimlichen Trinkens habe ich nicht so erlebt. Jedoch meine Frau und meine Familie. Meine Frau und ich konnten erst durch meinen Tiefpunkt, also durch die schweren negativen Folgen akzeptieren, dass die Tretmühle gestoppt werden muss.
  • Unehrlichkeit gegenüber meiner Frau wegen meinen Alkoholkonsum war beständig da. 
  • Ich brauchte den Tiefpunkt den Verlust des Arbeitsplatzes und des Führerscheins durch mein Trinkverhalten. Nur dadurch war ich bereit zur Umkehr und bereit, den mühsamen langfristigen Weg zu gehen. Er hat sich immer gelohnt, doch die alten Gewohnheiten haben immer noch Macht, wenn ich nicht den Dreier-Schritt ernst nehme. Alleine geht das nicht gut. Mit der Gruppe viel besser. 

c) Ich benutzte den Alkohol, um folgende Wirkungen zu erzielen:

  • Er gab mir Anfangs ein Gefühl von Leichtigkeit oder innerer Wärme, so als würde alles an mir abprallen.
  • Meine Selbstsicherheit habe ich mit der Einnahme von Alkohol gesteigert. 
  • Wenn ich Frust hatte, war der Alkohol ein guter Problemlöser, ich brauchte ihn nur runterspülen. 
  • Um schlafen und einschlafen zu können, nahm ich öfters den Alkohol. 
  • Um die innere Unruhe nicht zu spüren, trank ich Alkohol.

 

2 Schriftliche Rückmeldungen von Bezugspersonen. 
a) Schreibe alle schriftlichen Rückmeldungen Deiner Bezugspersonen zusammen.

Ehefrau: Meine Frau war sehr enttäuscht von mir, wenn ich betrunken nach Hause kam und vor ihr stand und keine Antwort wusste auf Ihre Fragen. Sie fühlte sich von mir im Stich gelassen und hatte Angst, wie soll es mit uns weitergehen. Dass mich der Alkohol so verändern konnte, war für sie damals unvorstellbar. 

Kinder: Du hast sehr viel mit Mama gestritten und wir hatten oft Angst vor dir. Ausflüge mit uns war für dich ein Zwang. 

b) Schreibe Dir so präzise wie möglich auf, was für Gedanken, Gefühle bei Dir hochkommen, wenn Du die Aufzeichnungen liest. 

Ehefrau: 

  1. Ich bereue sehr, dass ich bei meiner Frau große Enttäuschung ausgelöst habe, indem ich trotz Beteuerungen, nichts mehr zu trinken, immer wieder getrunken habe. 
  2. Es tut mir sehr leid, dass sich meine Frau von mir sehr oft im Stich gelassen fühlte und sie keinen Ansprechpartner mehr hatte, da ich zuletzt, zum Schluss, wenn ich zu Hause war viel auf dem Sofa gelegen bin und geschlafen habe. 
  3. Es tut mir auch sehr leid, dass sie sich von mir nicht ernst genommen fühlte und sie sich, wegen meines Suchtverhaltens große Sorgen um mich und ihre Zukunft machte. 
  4. Mir ist bewusst, dass dieses Verhalten Teil meiner Suchtkrankheit war – bei klarem Verstand wäre es mir nie in den Sinn gekommen, meiner Frau und den Kindern Leid zuzufügen. 
  5. Ich bin schockiert, wie sich durch Alkohol mein Verhalten verändert hatte. 
  6. Ich bin froh, dass ich mich für die Abstinenz entschieden habe und meine Frau mich wieder als einen zuverlässigen Ehemann und Vater erleben darf. 

Kinder: 

  1. Ich bereue sehr, dass meine Kinder sich von mir vernachlässigt gefühlt haben, da ich fast nie Zeit für Sie hatte und ich sehr wenig mit ihnen unternommen habe. 
  2. Es tut mir sehr leid, dass ich zum Schluss meinen Kindern Schmerz und Leid zufügte, da ich sehr oft mit meiner Frau gestritten habe und sie dadurch Angst bekommen haben, wir würden uns trennen. 
  3. Ich bin betroffen, wie intensiv meine Kinder diese Zeit mitbekommen haben. Ich kann die Angst und den Kummer meiner Kinder auch heute gut nachempfinden. 
  4. Ich bin dankbar und froh, dass meine Kinder jetzt miterleben können, wie ich mich durch meine Abstinenz verändert habe und sie nun einen Vater haben, der sich um sie kümmert und viel mit ihnen unternimmt. 

3 Was mache ich heute anders, anstatt meiner früheren Verhaltens- und Denkweisen und Gefühlsmustern?

Anstatt: Nach Außen ein Ja, innerlich ein Nein
Ich hatte einfach keinen guten Zugang zu mir.

Jetzt: Es fällt mir immer noch schwer, mich zu zeigen wie es mir geht. Wenn’s gut läuft, konzentriere mich auf das was wichtig ist, und akzeptiere, dass es wichtig ist über meine Vorhaben zu sprechen.

Anstatt: Hinter einer freundlichen Fassade verbarg ich mein wahres Ich (Vertuschungsmuster). Nur damals sah ich das nicht so.

Jetzt: Wenn ich ehrlich zu mir bin und zu anderen, also mich und die andern akzeptiere was gerade ist, tut es oft weh, aber ich kann für mich und mit den Anderen bessere Alternativen finden.

Anstatt: Auf andere immer perfekt wirken zu müssen, setzte mich enorm unter Druck. Damals sah ich das nicht so, es war sogar meine Leidenschaft, tüchtig sein zu wollen.

Jetzt: Ich habe gelernt mit meinen Schwächen und Stärken offen umzugehen, auch über meine Alkoholsucht kann ich heute offen sprechen. Zu mir einfach zu stehen, gibt mir Kraft.

Anstatt: Kritik als persönlicher Angriff auf meine Person zu werten und aggressiv und gereizt darauf zu reagieren.

Jetzt: Kritik und Bewertung sind für mich sehr wichtig, manchmal schmerzhaft, um meine Dinge im Leben zu meistern. Es hat mir immer geholfen, doch super gern mach ich das nicht.

Anstatt: Schuld waren immer die Anderen.

Jetzt: Bei mir zuerst anzufangen, dazu brauche ich erst Ruhe. Es gelingt mir besser, z.B. auf andere zuzugehen und mich zu entschuldigen und nicht nachzuhaken, wer Recht oder Unrecht hat.

Anstatt: Ich wurde schnell aufbrausend, wenn etwas Unangenehmes, Unerwartetes auf mich zukam, da ich oft wegen meines Alkoholproblems angespannt war.

Jetzt: Ich habe gelernt und ich lerne immer noch, mich zuerst zu beruhigen und nachzudenken anstatt sofort mit Antworten, Ablehnung oder Aggression zu reagieren. Ich bin dadurch ausgeglichener und ruhiger.

Anstatt: Zuviel wollen und wenn es dann nicht funktioniert zum Streiten anzufangen.

Jetzt: Mein Tun gut anzupassen, was gerade gut für mich ist, ist immer noch eine Herausforderung. Doch mich selbst überfordern zu wollen, das konnte ich ablegen. Dabei ist mir die Rückmeldung von anderen sehr wichtig.

4 Beruhigung
Jetzt kommen wir zum wichtigen Schritt: Schreibe auf, wie Du Dich beruhigst/entspannst, locker machst, damit Du immer wieder anstatt wie früher zu reagieren, zu fühlen und zu denken, Dich besser verhältst und Du dich dabei auch wohler fühlst.

Nachfolgende Prinzipien sind wichtig, die ich jedoch nur anreiße. 

Das Negative/der Saboteur drängt sich bei mir immer noch auf. Ich kann immer wählen zwischen Bejahender und Verneinender Stimme. Je mehr ich mich auf das fixiere, was mich behindert, auf meine Unfähigkeit, auf meine Fehler, Sorgen und Schwäche, desto resignierter werde ich. Es ist wichtig, dass ich lerne meine negativen Stimmen wahrzunehmen. Eine negative Stimme von mir die ich wahrnehme ist z.B. 

Nach Außen ein Ja, innerlich ein Nein 

Das verbündete Ja (Akzeptanz, Bindung und Bildung) äußert sich nicht gleich und sofort. Ich kann mich auf das Ja nur ausrichten in einer ruhigen, inneren Haltung. Wenn ich Abstand/Gelassenheit habe und zur Ruhe komme, finde ich für mich einen guten Weg. 

Zentrale Aussage zum Punkt der Beruhigung:

Stressforscher sagen: „Wenn ich eine kritische Situation gleich zu Beginn gedanklich durch ein Ja entschärfen kann, vermeide ich heftige, schädliche, langfristige Stressreaktionen.“

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