"Veränderung ist mein Lebensstil und ist kein Trick"

Wege zur Heilung - Mitglieder der Freien Suchtselbsthilfe Nördlingen berichten über ihre guten Erfahrungen beim Frauenfrühstück der Kirchengemeinde Pfäfflingen/Löpsingen.

(06/2013) Mitglieder der Freien Suchtselbsthilfe Nördlingen berichten beim Frauenfrühstück der Kirchengemeinde Pfäfflingen/Löpsingen über ihre guten Erfahrungen, die sie auf ihrem Weg zu einer zufriedenen Abstinenz gemacht haben – wie aus einer Abwärtsspirale eine Aufwärtsspirale werden kann.

Es ist sinnvoll, den eigenen Lebensstil immer wieder zu überdenken

“Es geht um die Frage: Wie kann ich mir selber und wie kann ich dem anderen helfen, wenn die Belastungen zu groß werden? Schließlich ist keiner davor gefeit, in eine Krise zu schlittern. Daher ist es gut und sinnvoll, den eigenen Lebensstil immer wieder zu überdenken“, sagte die Pfarrerin zur Einleitung. 

Im Mittelpunkt stehe, dass Suchtkranke und Angehörige sich selbst helfen, erklärte Natalja Lange einführend die Bedeutung der Selbsthilfearbeit. Jeder helfe sich selbst und durch sein Beispiel auch dem Anderen. Ein wichtiger Erfolgsfaktor der Selbsthilfe sei, dass die Verantwortung vollständig beim Betroffenen belassen werde, die Mitglieder ihr Leben in guter Weise leben und aktiv ihre Gaben und Kräfte in die Selbsthilfe einbringen. 
Ein weiterer Veränderungsfaktor sei: Im authentischen  Helfen als Vorbild für die anderen reife man als Mensch am meisten. „Die Gruppe braucht dich ebenso, wie du die Gruppe brauchst, zum Beispiel für die unentbehrliche Spiegelung.“ Änderung, Heilung sei ein anderer Lebensstil. Das geschehe nicht automatisch. Veränderung sei aber auch keine Zauberei. Lange: „Die Heilungsebene in mir ist, den Sinn in mir zu entdecken, das Gute zu tun und sich nicht mehr im Kreis um sich selbst zu drehen. Veränderung ist mein Lebensstil und ist kein Trick. Ich gebe das weiter, was ich schon kann oder was ich habe. Ich gebe meine bequeme, murrende, nörgelnde, jammernde, meckernde Konsumhaltung auf. Nach Goethe: ‚Wer sich selbst befiehlt, ist nicht mehr Knecht.'“ Wer einen Plan habe, sein Leben besser zu regeln, bringe sein Leben voran und entfalte in sich viele hilfreiche und gute Kräfte, um dem Leben mehr Freude zu geben. 

Ich lerne aktiv zuzuhören, mich und meinen Mann wertzuschätzen

Anschließend berichten Betroffene und Angehörige von ihren eigenen Erfahrungen und wie sie gelernt haben, sich zu ihrer Ver-gangenheit zu bekennen, sich nicht mehr durch das Leben zu mogeln, sondern aus einer Abwärtsspirale eine Aufwärtsspirale zu machen. 
Nachfolgend zwei Beispiele aus diesen Berichten: Frau W.: „Früher war ich glücklich und zufrieden, wenn es nach meinem Kopf ging. Wenn es nicht so lief, wie ich es mir vorstellte, schleuderte ich zum Beispiel meinem Mann ein Nein entgegen. Heute ist es mir wichtig, dass ich mir eingestehe: So lange ich etwas verstecke, kann ich nicht gesund werden. Nur ab und zu etwas Gutes zu tun, hilft mir gar nichts.
Mit Hilfe meines Tagesplans bleibe ich mit Disziplin und Ausdauer an meiner guten Veränderung dran. Ich lerne aktiv zuzuhören, mich und meine Mann wertzu-schätzen, gut mir mir selbst umzugehen, meinen Anteil bei einem Streit zu sehen. Das war am Anfang sehr schwer für mich. Doch ich mache immer öfter die Erfahrung, dass es sich lohnt, mit mir und mit meinem Mann gut und freundlich umzugehen. Heute fällt mit leichter, meinem Mann zuzuhören, auch wenn er mir etwas sagt, was mir nicht gefällt. Indem ich ihn ernst nehme, ist auch er bereit, mich anzuhören. So können wir gemeinsam gute Lösungen finden.“

Herr N.: „Ich bin suchtkrank und habe mir meine Suchterkrankung selbst erworben. Ich habe getrunken, um meine negativen Gefühle wie Wut, Angst oder Selbstmitleid zu betäuben. So habe ich mir meinen Alltag erträglicher gemacht und trainierte mir ein falsches Denken und Handeln an. 
Ich habe gelernt zu akzeptieren, dass schlechte Gefühle zu meinem Leben gehören. Heute freue ich mich, dass ich es geschafft habe, diesen negativen Kreislauf zu durchbrechen. ich kann heute mein Gefühl der Angst und der Wut bei mir selbst akzeptieren und mit meinem Selbstmitleid besser umgehen. Ich habe immer die Wahl: gebe ich meinem negativen Gefühl nach und bleibe in meinem Problem stecken, oder entscheide ich mich für gute Veränderungsziele.“

Herr Y.: „Zu meiner Veränderung brauche ich unbedingt Entspannung. Denn nur über die Entspannung habe ich zugriff zu meinen Fähigkeiten. Früher bin ich schnell ungeduldig und aggressiv geworden, wenn etwas nicht so lief, wie ich es mir vorstellte. Heute kann ich erkennen und akzeptieren, dass es mein altes negatives Muster ist, das ich verändern will. Dabei helfen mir Kurzentspannungen im Alltag. Ich koche mir zum Beispiel einen Tee oder Kaffee und denke ganz bewusst: Ich tue mir was Gutes, das Wasser kocht nur für mich. Mit Hilfe meiner regelmäßigen Entspannungen bin ich umgänglicher geworden, ich kann mir meinen Kollegen ruhig und freundlich umgehen und meine Arbeit gut erledigen.“

Heute ist mir klar: Es muss nicht so bleiben – ich kann mein Verhalten ändern

Herr V.: „Ich bremse mich immer selbst aus, weil ich Angst habe, etwas Falsches zu sagen oder Fehler zu machen. Dieses Muster kann ich bis in meine Kindheit zurückverfolgen. Doch heute ist mir klar: Es muss nicht so bleiben, ich kann dieses ängstliche Verhalten verändern! Mein wichtigstes Handwerkszeug dafür ist für mich mein Tagebuch geworden. Meine täglichen Aufzeichnungen helfen mir, Ordnung in meine Gedankenwelt zu bringen. Ein Satz, der mich den ganzen Tag begleitet, lautet beispielsweise: Durch Entscheidung bestimme ich, wie ich mit schwierigen Situationen umgehe. Heute entscheide ich mich zu reden und nicht lange zu überlegen, anstatt wie früher zu denken, wie ich es gut und richtig sage. Mein Leben ist dadurch viel leichter geworden.“

Heute weiß ich: Ich kann negative Gedanken durch gute Gedanken ersetzen

Frau K.: „Früher war ich schnell gekränkt bzw. verletzt und habe mit Angst und Selbstmitleid reagiert. Heute weiß ich: Ich kann negative Gedanken (beispielsweise ‚Weil du so zu mir bist geht es mir schlecht‘) durch gute Gedanken ersetzen. Mir hilft die Einsicht und Akzeptanz, dass ich mit guten Gedanken selbst mein Lebenssteuer in die Hand nehmen kann. Mit kleinen Kurzentspannungen, die ich in meinen Tagesablauf einplane, schaffe ich es, mich zu beruhigen und offen zu werden für gute Gedanken. Auch in Konfliktsituationen wende ich Kurzentspannungen an, indem ich zum Beispiel die Situation verlasse und mehrmals tief ausatme. Dadurch werde ich ruhiger und kann anschließend wieder auf meine Arbeitskollegin oder meinen Mann zugehen. Ich bin offen für das Gespräch und kann mutiger meinen Standpunkt vertreten.“

Herr O.: „Meine Veränderung kann ich nur in Belastungs-situationen messen. Früher habe ich mich bei Kleinigkeiten oft sehr schnell aufgeregt und meine Frau dafür verantwortlich gemacht, wenn etwas schief lief.
Heute ist es mir ganz wichtig geworden, meinen Anteil zu sehen und die Verantwortung für mein Verhalten durch akzeptieren zu übernehmen, beispielsweise die Akzeptanz meiner übermäßigen Reaktion und meiner Schuldzuweisungen bei Konflikten. Anstatt aus der Anspannung heraus zu reagieren, gehe ich heute zum Beispiel in den Garten, um mich zu beruhigen. Ich betrachte die Natur und komme innerlich zur Ruhe. Aus dieser Beruhigung heraus kann ich wieder auf meine Frau zugehen, ihr zuhören und ihre Spiegelung annehmen, wenn sie mich auf meine übermäßige Reaktion aufmerksam macht. Ich freue mich, dass unser Zusammenleben durch mein verändertes Verhalten viel entspannter geworden ist.“

Zum Abschluss dankte die Pfarrerin: „Ich werde den Vormittag noch lange in sehr guter Erinnerung behalten. Die bewegenden und authentischen Beiträge haben zu einem runden gelungenen Ablauf beigetragen.“

Kontakt:
Natalja Lange – 09087/920581
Susanne Mack – 09083/920145
info@freundeskreis-sucht-noerdlingen.de
www.freie-suchtselbsthilfe-nördlingen.de

Mitglieder der Freien Suchtselbsthilfe Nördlingen beim Frauenfrühstück der Kirchengemeinde Pfäfflingen/Löpsingen

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